

In den letzten Wochen und Monaten bin ich tief in meine abstrakten 3D-Experimente eingetaucht. Was als spielerisches Ausprobieren mit vorhandenem Material begann, entwickelte plötzlich eine ganz eigene Dynamik.
Aus zerschnittenen abstrakten Bildern entstanden zunächst flache Collagen. Daraus wurden dreidimensionale Objekte – zuerst mit einer einzigen Ebene, dann mit unterschiedlich dicken Wabenkartons. Irgendwann entdeckte ich, dass sich vorhandene Objektrahmen zu architektonisch anmutenden Konstruktionen zusammensetzen liessen. Schliesslich wagte ich erste Experimente mit beweglichen dreidimensionalen Arbeiten.
Keine dieser Entwicklungen hätte ich planen oder voraussehen können. Jeder Schritt entstand aus dem vorherigen, allein durch das spielerische Erkunden des Materials. Gerade diese Leichtigkeit tut mir im Moment unglaublich gut. Es fühlt sich an, als hätte sich eine neue Tür in meiner Kunst geöffnet.
Den inneren Ruf, mich auf abstrakte Malerei einzulassen, höre ich eigentlich schon seit Jahren. Gleichzeitig konnte ich mir nie vorstellen, selbst abstrakt zu arbeiten. Ich bewunderte Künstlerinnen und Künstler, die scheinbar mühelos in Farben eintauchten, empfand diesen Zugang aber nie als meinen.
Im vergangenen Frühjahr hatte ich jedoch das deutliche Gefühl, mit meiner Kunst an einer Wand zu stehen. Ich wusste weder, wie ich sie überwinden noch umgehen sollte. Also entschied ich mich – eher aus Verzweiflung als aus Mut –, dem Weg des geringeren Widerstands zu folgen und mich vollständig auf etwas Unbekanntes einzulassen.
Dass auch Loslassen Widerstand erzeugen kann, musste ich allerdings erst lernen. Das nicht-realistische Malen fühlte sich zunächst ungewohnt und unbeholfen an. Ich hatte das Gefühl, die dilettantischste Künstlerin der Welt zu sein. Trotzdem gab ich dem Versuch eine Chance.
Ich begann mit kleinen Formaten von 10 × 15 cm. Die geringe Grösse nahm mir die Angst. Es fühlte sich weniger nach Malen als nach Kritzeln an – so, wie man gedankenverloren während eines Telefongesprächs Linien aufs Papier setzt. Damit verschwand auch der Druck, etwas Gelungenes schaffen zu müssen.





Ich verlangte von mir selbst nur ein einziges kleines Bild pro Tag – im Rahmen meiner Daily Sketches. Keine grossen Werke, keine Serie, keine Erwartungen. Nur ein kleines Blatt Papier als tägliches Versprechen an mich selbst, meiner Kreativität weiterhin Raum zu geben.
Dann geschah etwas Überraschendes. Dieses halb träumende, absichtslose Malen entspannte mich so sehr, dass ich kaum mehr aufhören konnte. Aus einem Bild wurden viele. Und einige Zeit später begannen die Entdeckungen aus den abstrakten Arbeiten auch meine realistischen Pastelle zu verändern. Plötzlich tauchten collageartige Elemente und räumliche Strukturen in Arbeiten auf, die früher ausschliesslich flach gewesen wären. Das Spielerische kehrte zurück – auch dort.
Heute glaube ich, dass der Weg des geringsten Widerstands manchmal genau der mutigste ist. Wenn ein kreativer Prozess sich mit aller Kraft gegen weiteres Forcieren wehrt, hilft oft nicht noch mehr Disziplin und noch mehr Wille. Manchmal besteht der wichtigste Schritt darin, die weisse Flagge zu hissen, loszulassen und dem Prozess zu erlauben, einen selbst zu überraschen.
